„Bekennen. Aufbauen. Brückenbauen“ – unter diesem Motto stand die Soiree zum 50. Todestag von Hans Encke (1896–1976). Das beschreibt, warum der umtriebige Pfarrer und erste Stadtsuperintendent des Evangelischen Stadtkirchenverbands Köln eine so prägende Persönlichkeit war.
Stadtsuperintendent Bernhard Seiger begrüßte die Gäste im Haus der Evangelischen Kirche und stellte sogleich eine Verbindung zu Enckes „Herzensprojekt“, der Antoniter Siedlungsgesellschaft, her, die in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen feiert und ihren Besprechungsraum im selben Gebäude hat. Seiger machte Lust auf die verschiedenen Perspektiven, aus denen in den kommenden drei Stunden auf Enckes bewegtes Leben zurückgeblickt werden würde. Besonders hieß Seiger Enckes Tochter, Karin-Bettina Encke, willkommen, die als Prädikantin gewissermaßen in die Fußstapfen ihres Vaters getreten ist. Musikalisch gestaltet wurde der Abend von KMD Johannes Quack, der sich bei der Auswahl der Klavierstücke an den Lieblingskomponisten von Hans Encke leiten ließ.
Ein Abend der Erinnerung – und der kritischen Würdigung

Prof. Dr. Jürgen Wilhelm würdigte Hans Encke aus der Sicht der Kölner Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e. V., an deren Gründung er 1958 beteiligt war. Encke sei regimekritisch gewesen, betonte Wilhelm, und „damit gehörte er zu einer Minderheit innerhalb der evangelischen Kirche“. Dennoch habe er am Gedanken der Judenmission festgehalten. Die NSDAP sei „bewusst zweigleisig gefahren“: Gewalt und bürgerliches Mäßigungsbedürfnis konnten gleichzeitig bedient werden.
Kritisch ging Wilhelm auf Enckes Abschiedsgottesdienste für jüdische Gemeindeglieder ein, die einerseits gelebte Seelsorge, andererseits Ausdruck eines christlichen Antijudaismus gewesen seien. Encke war zudem im „Westdeutschen Verein für Israel“ engagiert, der 1935 aufgelöst und 1953 neugegründet wurde.
Dr. Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie, erinnerte an die theologische Neuorientierung im christlich-jüdischen Verhältnis und an den Entwidmungsgottesdienst der Kreuzkapelle in Riehl im Februar 2016. Eine Schar von Kindern aus der Synagogengemeinde stürmte damals in das Gebäude, das sie weiternutzen würde. Für Bock war dies ein Bild für einen „sichtbaren Paradigmenwechsel“. In den Judenmissionsvereinen sah er zugleich den Mut, sich dem Thema zu stellen, und eine Beschränktheit der Sichtweise.
Wegbereiterinnen und ein Pfarrer mit Haltung

Vikarin Lisa Kluge und Dorothee Schaper stellten Ina Gschlössl (1898–1989) vor, eine der „Vier Kölner Vikarinnen“, die gemeinsam für die Vollordination von Frauen kämpften. Lisa Kluge las einen aufrüttelnden Text, in dem Gschlössl 1932 ihre Gedanken nach der Lektüre von Hitlers „Mein Kampf“ festhielt.
Prof. Dr. Siegfried Hermle zeichnete Enckes ereignisreiches Leben nach. Encke wurde 1896 in Potsdam geboren, arbeitete nach einem Notabitur zunächst als Krankenpfleger, studierte Theologie und wurde 1923 ordiniert. Mit seiner Wahl zum Pfarrer in Riehl 1925 begann eine „Ära“, die bis 1966 währen sollte. Gegen die aufoktroyierten Kirchenwahlen von 1939 erhob er Einspruch. Eine Unterschriftenaktion gegen die Abberufung unbotmäßiger Pfarrer wie Encke erhielt 3.078 Unterschriften.
1944 übertrug Encke seine Amtsgeschäfte an Pastor Friedrich Schellenburg und ging nach Arnsberg, blieb mit seiner Gemeinde aber brieflich in Kontakt. Am 10. Mai 1945 wurde er als kommissarischer Superintendent eingesetzt. 1966 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
„Wie geht es dir jetzt?“ – Mit dieser Frage holte Pfarrer i. R. Jörg Heimbach Karin-Bettina Encke aus den Erinnerungen in die Gegenwart des Jahres 2026. „Ich sehe umso mehr, dass mein Vater ein Kind seiner Zeit war“, sagte sie. Mit ihm verbinde sie ein „warmes Gefühl“; sie beschrieb ihn als „liebevoll, verständnisvoll und gütig“.
Karin-Bettina Encke, die später Psychologie studierte, ist heute in der Palliativseelsorge und Trauerbegleitung aktiv. Als zweite „Weggefährtin“ wurde Annemarie Rübens (1900–1991) vorgestellt. Sie übte Regimekritik, floh über die Niederlande nach Uruguay und kehrte 1975 zurück.
„Wohnungsbau ist Dombau“: Hans Encke und die ASG
Guido Stephan, Geschäftsführer der Antoniter Siedlungsgesellschaft (ASG), würdigte Enckes Rolle beim Wiederaufbau. Als erster Vorsitzender des Aufsichtsrats und späterer Geschäftsführer war Encke maßgeblich an der Gründung der ASG beteiligt, heute das „immobilienwirtschaftliche Kompetenzzentrum der evangelischen Kirche Köln und Region“.
Köln war von 262 Luftangriffen getroffen worden; die durchschnittliche Wohnfläche betrug 1946 acht Quadratmeter. Die Menschen „brauchten mehr als bloße Versorgungsleistung“. „Wohnungsbau ist Dombau“, zitierte Stephan Kardinal Frings und machte die Bedeutung des sozialen Wohnungsbaus deutlich. Bis Ende 1975 lenkte Encke die Geschicke der Antoniter Siedlungsgesellschaft.
In der Schlussrunde fasste Siegfried Hermle Enckes Dreiklang so zusammen: eine Position haben, seine Meinung sagen und dabei ein großes Herz haben. Dorothee Schaper verwies auf eine hoch aktuelle Tugend: vorausschauende Wachsamkeit vor politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die in die Unmenschlichkeit führen.
Weitere Infos zu Hans Encke auch im aktuellen Podcast „Rheinische Kirchengeschichte(n)“
https://youtu.be/rcQuAoX5IE4?si=wUMNQH6SeR3s57Zz
Text: Priska Mielke
Foto(s): Priska Mielke
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