
Mehr Wertschätzung, Freude über das gemeinsam Erlebte und Dank für menschliche Haltung, Empathie und fachliche Kompetenz kann man in einem Abschiedsgottesdienst wohl kaum zum Ausdruck bringen. Gut 150 Studierende, Kolleginnen und Kollegen sowie Freunde waren in die Räume der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) an der Bachemer Straße in Lindenthal gekommen, um sich von Pfarrerin Christiane Neufang zu verabschieden. Nach 16 Jahren in der ESG tritt sie Anfang September ihre neue Stelle in der ESG in Heidelberg an. Den Gottesdienst gestaltete Pfarrerin Wibke Janssen mit. Die Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche im Rheinland vollzog auch die Entpflichtung. Ebenfalls verabschiedet wurde Verwaltungsmitarbeiterin Stefanie Henrichs; sie verlässt die ESG Köln nach sieben Jahren und wird künftig in der Evangelischen Gemeinde Weiden/Lövenich arbeiten.
Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst vom Chor der ESG unter der Leitung von Lucas Förster sowie von Nicolas Wendefeuer am Klavier. Der musste improvisieren, weil seine Klavierpartnerin Fiona Krämer erkrankt war, und trug statt des von Neufang gewünschten Bach-Präludiums den Klassiker „Stand by Me“ von Ben E. King vor. Mit diesem „Song aus den Anfangstagen“ der Pfarrerin machte er es ihr nicht leicht, die Fassung zu bewahren.
„Wie Goldschürfer: 16 Jahre im Fluss der ESG“
Dann predigte Christiane Neufang zum letzten Mal in ihrer Studierendengemeinde. „Ich lade Euch heute ein, mit mir auf Schatzsuche zu gehen, wie die Goldschürfer und Goldschürferinnen geduldig zu sichten, was die letzten 16 Jahre im Fluss der ESG so alles ans Ufer gespült haben.“ Dabei sei es Glück und Geschenk, Schätze im Sand aufblitzen zu sehen. Vieles habe man zusammen erlebt und geschafft, manches ausgehalten, erlitten, mitgetragen. Auch wenn viel Wasser den Fluss herabfließe, bleibe immer etwas haften, setze sich ab, wie ein wahrer Schatz für das ganze Leben. „Dabei glänzen manche Schätze wie große Klunker, Ereignisse, die bis heute nachleuchten. Andere sind winzig wie Goldstaub. Aber am Ende wiegen sie gleich schwer“, sagte Neufang.
Sie rief die 30 Semesteranfangs-Gottesdienste, die 90 Etagensprecher-Versammlungen, die ungezählten Andachten in der Sandkapelle und Gespräche mit Studierenden ins Gedächtnis, und auch die „großen funkelnden Klunker, an die ich mich mit strahlenden Augen erinnere“. Den Empfang mit Navid Kermani, die Neugestaltung der Sandkapelle, die Inselfahrten „mit Wind, Wasser und sehr viel Gelächter“, das große Chortreffen. Aber es habe auch Momente mit wenig Glanz gegeben, Phasen der Erschöpfung, schwere Entscheidungen, die Zeit der Pandemie. Goldene Momente seien oft da aufgeblitzt, wo man sie am wenigsten erwartet habe; Vertrauen und Gemeinschaft seien gerade in schweren Zeiten gewachsen.
Ihre eigenen „Goldmomente“ brachten die Studierenden während der Predigt ein. „Die Sandkapelle. Ein Ort der Stille, wenn mir wieder einmal alles zu viel war“, hieß es da. Und: „Als wir gemeinsam Schilder für die Synodendemo für den Fortbestand der ESG gebastelt haben.“ „Wie herzlich ich hier empfangen wurde, als Andersgläubige, und mit welcher Aufmerksamkeit man mir zugehört hat.“ Oder auch: „Jede Woche weiß ich, wo ich hingehe. Gemeinschaft. Hier habe ich meine besten Freunde gefunden.“
Kintsugi: Wenn Brüche zu Gold werden
Neufang brachte mit Blick auf Vergangenes und auch auf Zukünftiges im Leben der jungen Menschen die Anschauung der japanischen Kintsugi-Kunst ein. Zerbreche eine Schale, werde der Bruch mit einem mit Goldpulver veredelten Lack geklebt. Der Bruch werde zum Teil ihrer Geschichte, die Vase dadurch wertvoller und noch schöner. Ihren Studierenden wünschte sie, dass ihre Gemeinschaft weiter wachse, „wenn ihr euch wirklich begegnet. Mit allem, was zerbrechlich ist. Und mit allem, was trägt“.

Der Goldnugget in einem Säckchen auf jedem Stuhl war für die Gäste gedacht, zu denen auch Pfarrerin Miriam Haseleu, die stellvertretende Vorsitzende des Bevollmächtigtenausschusses Köln-Linksrheinisch, zählte. „Er soll euch ein Zeichen sein, dass sich die Schatzsuche lohnt.“ Sie selbst sei erfüllt von allem, was in den vergangenen 16 Jahren geschehen sei, sagte Pfarrerin Christiane Neufang. Und: „Ich gehe mit dankbarem Herzen.“
Dann verabschiedete Neufang ihre langjährige Kollegin Stefanie Henrichs. „Stefanie, wir lassen dich ungern gehen! Wir danken dir für dein Mittun im Team, das dich gerne hier behalten hätte. Ich bedanke mich für deine Aufmerksamkeit, für deine vielen Hinweise im Hintergrund, deine gute Laune, die so wichtig ist, denn du warst oft die erste Ansprechpartnerin für neue Studierende.“ Mit auf den Weg gegeben wurde ihr auch der Segensspruch nach Richter 5,31: „Die Gott aber liebhaben sollen, seien wie die Sonne, wenn sie aufgeht in ihrer Pracht.“ „Das passt!“, war das spontane Votum zahlreicher Studierender.
Abschied mit Kölsch und rotem Hahn
„Du hast Freude und Sinn darin erfahren, mit Studierenden und anwaltlich für sie unterwegs zu sein, Räume zu öffnen und zu gestalten, zum Wohnen, für Begegnung, für Spiritualität“, würdigte Pfarrerin Wibke Janssen das Wirken von Neufang. „Nicht gut ist für dich die Entscheidung der Landeskirche, die ESG-Arbeit grundsätzlich umzustrukturieren und in ihrem Bereich zu sparen. Doch das besondere Engagement hier in Köln, den roten Hahn lebendig zu erhalten und Studierendenarbeit gleichzeitig bewährt und neu aufzustellen, findet deinen Dank, deine Anerkennung und deine Hoffnung.“
Die Landessynode hatte Anfang 2026 beschlossen, ihre neun ESGn in den beiden nächsten Jahren „partizipativ und standortbezogen“ weiterzuentwickeln, etwa „hin zu Gemeinden junger Erwachsener“. Bis 2030 will sie die Trägerschaft für ihre Wohnheime aufgeben. Mit dem Sparprogramm reagiert die Landeskirche auf sinkende Kirchensteuereinnahmen. Bis die neue Organisationsform der ESG gefunden ist, wird Pfarrer Daniel Phan zunächst für ein Jahr die Nachfolge von Christiane Neufang antreten.
Weiterhin verwies Pfarrerin Janssen auf Neufangs kompetente Arbeit in der Bundes-ESG sowie ihr 25-jähriges Engagement in der Partnerschaft mit der amerikanischen „United Church of Christ“ (UCC). „Wenn die transatlantische Brücke an anderen Stellen wackelt, ist es umso wichtiger, dass wir sie in Geschwisterlichkeit mit der UCC tragfähig halten. Du hast für einige Brückenpfeiler gesorgt“, so Janssen. „Danke für deine Energie und Gestaltungskunst!“
In Grußworten aus dem Landeskirchenamt, der Bundes-ESG, der ESG in Bonn, den Studierenden in Köln, dem Beirat der ESG, den Partnergemeinden in Lindenthal und Sülz/Klettenberg und von ausländischen Studierenden wurden weitere Facetten des Wirkens von Christiane Neufang zum Ausdruck gebracht. Als letzter in der Reihe bedankte sich einer der ausländischen Studierenden mit „Merci Christiane!“, was die scheidende Pfarrerin sichtlich bewegte.
Die dann noch einmal herzlich lachen durfte, als die Tür zum Innenhof aufschwang und Conny Kircher, Ann-Christin Stromberg und Waldemar Berger aus dem ESG-Team einen großen Präsentkorb hereintrugen. Darin thronte ein lebensgroßer Hahn aus Metall, umgeben von Geschenken mit Hintersinn. Denn in die Kölsch-Diaspora wollten die Mitarbeitenden ihre langjährige Chefin keinesfalls ohne Proviant ziehen lassen. Sie gaben ihr Kölsch diverser Brauereien, für jeden Tag der Woche eine Flasche, mit auf ihren Weg in den Süden Deutschlands. Zu einem neuen Anfang, begleitet von ihrem gewählten Spruch zur Ordination: „Du Gott stellst meine Füße auf weiten Raum.“
Text: Gabi Bossler
Foto(s): Gabi Bossler
Der Beitrag „Ich gehe mit dankbarem Herzen“ Pfarrerin Christiane Neufang verlässt die ESG Köln und lud im Abschiedsgottesdienst zu einer „Schatzsuche in 16 erfüllten Jahren“ ein erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.
