Du betrachtest gerade Ein Leben im Zeichen der Begegnung – Gisberts-Lewin-Preis 2026 für Margret Müller

Käthe Kollwitz hätte es sicher gefallen, dass in dem Kölner Museum, das ihren Namen trägt, eine Frau geehrt wurde, die Unrecht persönlich nimmt. Sie versteckt sich nicht hinter Floskeln oder einem ritualisierten „Nie wieder!“, sondern hat einen Großteil ihres Lebens der Dokumentation der Lebensgeschichten von Holocaust-Überlebenden und der Begegnung mit ihnen gewidmet: Margret Müller. Für ihr außergewöhnliches Engagement als Brückenbauerin, Multiplikatorin und Dokumentarin wurde sie mit dem von der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gestifteten Gisberts-Lewin-Preis ausgezeichnet. Benannt ist der Preis nach dem ehemaligen Kölner Beigeordneten für das Schulwesen Johannes Gisberts (1909–1981) und dem ehemaligen Leiter des Büros des deutsch-israelischen Jugendaustauschs der Stadt Tel Aviv Dr. Shaul Lewin (1905–1986).

Rolf Tegtmeier (Direktor Vorstandsstab/Kommunikation, Kreissparkasse Köln) begrüßte die Gäste, zu denen auch eine Schülergruppe aus Lindenthal gehörte. Er wies zunächst darauf hin, dass das Museum ein „würdiger Ort“ für die Preisverleihung sei, „ein lebendiger Ort für kulturelle Begegnung“. Krieg und Tod, Armut und Diskriminierung seien auch Themen von Käthe Kollwitz gewesen. Tegtmeier erinnerte an das berühmte Kollwitz-Zitat, mit dem die Künstlerin nicht nur den ästhetischen, sondern auch den moralischen Anspruch an ihr Schaffen in Worte fasste: „Ich will wirken in dieser Zeit!“ Mit der Richter-Mappe, die im Zentrum der aktuellen Sonderausstellung steht, habe Kollwitz die „breite Mitte der Gesellschaft“ erreichen wollen. „Das ist heute ihr Haus, ihr Museum, heute Abend!“, wandte sich Tegtmeier an Margret Müller persönlich.

Zwischen Verdrängung und Normalisierung

Die Laudatio übernahm Prof. Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Laudator Prof. Dr. Jürgen Wilhelm (Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit) warf zunächst einen Blick zurück auf die Anfänge des Engagements von Margret Müller, ein Wirken, „von dem man eigentlich nur im Superlativ berichten kann“. In den 50er-Jahren bekleideten noch viele Nazis wichtige Ämter, und es habe ein Klima „massiver Verdrängung“ geherrscht. Die deutsch-israelischen Beziehungen seien einerseits geprägt gewesen vom Versuch, eine „Normalisierung“ herbeizuführen. Andererseits sei jüdisches Leben in Deutschland umstritten gewesen. Jürgen Wilhelm erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass Johannes Gisberts und Shaul Lewin den ersten deutsch-israelischen Schüleraustausch organisierten.

Margret Müller steht als 20. Preisträgerin in einer Reihe mit Persönlichkeiten wie Ralph Giordano (2006), Lale Akgün (2013), Volker Beck (2017) oder Dr. Eva Weisweiler (2024). Am 16. April 2025 starb Margret Müllers Ehemann Werner. Mit ihm gemeinsam schrieb sie nicht nur circa 7.000 Briefe an Holocaust-Überlebende, sondern gab auch das Buch „Leben und Tod in der Epoche des Holocaust in der Ukraine“ heraus. Das monumentale Werk versammelt auf 1.100 Seiten 206 Berichte.
1994 kam das Ehepaar Müller in Kontakt mit dem katholischen Maximilian-Kolbe-Werk und übernahm die Begleitung einer Gruppe polnischer Überlebender. Diese „Versöhnungstreffen“ wurden ab 1996 auf die Ukraine ausgedehnt. Am 24. Februar 2022 rückte die Ukraine schlagartig ins Licht der deutschen Öffentlichkeit. Noch heute leben dort etwa 10.000 Holocaust-Überlebende. Wilhelm beklagte Defizite in den Geschichtslehrplänen in Deutschland und „eklatante Wissenslücken“. Das Ehepaar Müller habe „ein feines Gespür für die Lage an deutschen Schulen“ besessen. Als „externe Fachkräfte“ waren sie im schulischen Kontext aktiv und suchten dort den Dialog mit Schülerinnen und Schülern.

„Menschen, die bereit sind, den Opfern ins Gesicht zu sehen“

Die 87-jährige Margret Müller bedankte sich auch im Namen ihres verstorbenen Ehemannes für die Auszeichnung mit dem Gisberts-Lewin-Preis.

„Ich möchte zunächst das loswerden, was mich bewegt“, begann Margret Müller ihre Dankesworte. Sie dankte zunächst Wilhelm für die Laudatio. Der Preis gelte auch ihrem Mann, betonte sie. Ihr besonderer Gruß galt den Mitgliedern der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Ziel ihres Engagements sei die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen gewesen. Die über 600 Begegnungen mit Überlebenden, ermöglicht durch das Maximilian-Kolbe-Werk, waren für Müller ein sehr konkreter und zutiefst menschlicher Beitrag zur Bewältigung dieser Aufgabe.

Im Alltag der Überlebenden sei oft kein Platz für die Schrecken der Erinnerung – nur nachts. Es brauche „Menschen, die bereit sind, den Opfern ins Gesicht zu sehen“. Im Rahmen ihrer Besuche habe sie erfahren, wie Skepsis sich in Vertrautheit verwandelte. Eine 80-jährige Überlebende aus Polen wünschte sich einen elektrischen Rollstuhl, den Margret Müller allerdings nicht finanzieren konnte, was zunächst zu einem distanzierten Verhältnis führte. Als sie die ältere Dame Jahre später erneut traf, schenkte diese ihr zwei Silbermünzen zur Erinnerung. Vier Tage später starb sie.

Begegnungen in der Ukraine

Besonders intensiv widmete sich das Ehepaar Müller den Überlebenden in der Ukraine. „Dort gibt es nicht eine Familie, die vom Holocaust nicht betroffen ist.“ Margret Müller berichtete von Pjotr, der von einem Wehrmachtssoldaten gerettet worden war und seinen Retter wiedersehen wollte. Tatsächlich konnten die Müllers nach aufwendiger Recherche eine Begegnung ermöglichen, und Pjotr war sich sicher: „Gott, es gibt ihn noch!“

Für ihr opus magnum „Leben und Tod in der Epoche des Holocaust in der Ukraine“ hätten sie mit einem ukrainischen Historiker zusammengearbeitet, berichtete Margret Müller und fügte hinzu: „Ich bin froh, dass mein Mann die Veröffentlichung des Buches noch erleben konnte und wir auf Lesereise gehen konnten.“

Text: Priska Mielke
Foto(s): Priska Mielke

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