Du betrachtest gerade „Du bist am Zug“. Der erste Brettspiel-Gottesdienst in der Evangelische Kirchengemeinde Köln-Zollstock

Die Würfel fielen, wie sie wollten. Und rollten, wohin sie wollten. Das sollte auch genauso sein beim ersten Brettspiel-Gottesdienst in der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Zollstock. Die lichtdurchflutete Melanchthon-Kirche wurde zum Spielfeld, bunte Kreise markierten die Flächen, auf denen zwei Kegel von zwei Teams bewegt werden durften – und zwar durch die ganze Kirche. Gekommen waren jede Menge Gemeindeglieder aller Altersstufen. „Auch bisher unbekannte Gesichter“, freute sich Pfarrer Oliver Kießig.

Der hatte sich erkennbar große Mühe gegeben mit der Spielkonzeption. Und erläuterte zunächst die Regeln für das „Brettspiel“, mit dem die Gemeindeglieder zusammen mit dem Zufall die folgende Stunde sehr aktiv gestalteten. Die jeweils rechte und linke Bankreihe bildeten ein Team, das gemeinsame Ziel von „Team Blau“ und „Team Rot“: ein gelungener Gottesdienst.

Mit Würfeln, Spielkegeln und bunten Feldern durch die Kirche

Gewürfelt wurde abwechselnd, wie beim „Mensch ärgere Dich nicht“ durften der blaue und der rote Spielkegel entsprechend der gewürfelten Zahl über den Punkte-Pfad bewegt werden. Neben zahlreichen weißen Punkten gab es viele farbige mit jeweils unterschiedlicher Bedeutung. Kam ein Kegel auf einem roten Punkt zum Stehen, stimmte die Gemeinde ein Lied an, bei einem blauen Punkt lauschte sie einem kurzen Text.

Zum Spieleabend direkt nach dem Gottesdienst blieben rund 30 Brettspiel-Begeisterte aller Altersgruppen. Foto: G. Bossler

Doch auch die bestimmte nicht der Pfarrer, sondern das Gemeindeglied, das gewürfelt hatte. Es zog eine Karte aus dem gleichfarbigen Stapel, hinten drauf stand eine Liednummer oder der Verweis auf eine Bibelstelle. Der einzige grüne Punkt im Spiel stand für die Predigt, Orange für ein Gebet, bei Pink winkte das Glücksrad und bei Gelb eine gemeinsame Aktion. Schon beim Verlesen der Regeln wurde spürbar: Dieser Pfarrer mag, was er tut. Und das gleich im doppelten Sinne – er ist in seiner Freizeit „Brettspiel-Nerd“.

Jetzt galt es, die Würfel ins Rollen zu bringen. Einige Gottesdienstteilnehmende machten beherzt die ersten Würfe mit den Schaumstoffkuben, Neue im Kreis oder zurückhaltende Naturen wurden ermutigt, auch mitzumachen. Landeten die Spielfiguren oft hintereinander auf Weiß, fieberten manche schon dem nächsten bunten Feld entgegen, während andere noch den unter einen Stuhl gekullerten Würfel angereicht bekamen.

Und auch sonst war viel Bewegung im Spiel. Wurde ein rotes Feld erwürfelt, lief der Pfarrer flugs zu seinem Saxophon, andere Gemeindeglieder zum Klavier, zur Gitarre oder zum Mikrophon. Die Karte zum gemeinsamen Gebet „Vater unser“ kommentierte Oliver Kießig lachend mit „jetzt bekommt unser Küster Stress“. Der musste spontan sprinten, um die Glocken zum Gebet läuten zu lassen.

„Was willst Du und wo bist Du gerade am Zug?“

Sängerin Ellie Schubert und Presbyter Boris Raab – zwei von fünf Mitgliedern der Kirchenband, die den Gottesdienst mit gestalteten.

Passend zu Motto des Gottesdienstes „Du bist am Zug“ drehte sich auch der Impuls von Pfarrer Kießig um die Möglichkeit des Menschen, Entscheidungen zu treffen, den jeweils nächsten Zug selbst zu bestimmen. Das habe auch der blinde Bartimäus, Sohn des Timäus, getan. Er sei nicht still sitzen geblieben, wie es viele in der Menge von ihm gefordert hatte, habe deren Missbilligung in Kauf genommen. Und habe sich entschieden, noch lauter zu rufen, so Kießig. „Durch dieses laute Rufen ist Jesus auf ihn aufmerksam geworden. Und hat ihn gefragt: Was willst Du, dass ich Dir tue? Auf dessen Wunsch hin machte er ihn wieder sehend. Er sagte zu ihm: Geh nur, Dein Glaube hat Dich gerettet. Daraufhin konnte Bartimäus sofort sehen und folgte Jesus auf seinem Weg.“ Auch beim Brettspiel gebe es diese Momente des Überlegens und Sich-Durchringens. „Gehe ich beim nächsten Zug nach rechts? Investiere ich etwas oder spiele ich auf Sicherheit? Manchmal fällt die Entscheidung leicht. Manchmal sitze ich da und denke länger darüber nach, als meinen Mitspielenden lieb ist“, so der Pfarrer. „Bei Bartimäus ist das natürlich kein Spiel. Er ist in seinem Leben darauf angewiesen, dass andere ihm, dem blinden Bettler, etwas abgeben. Er kann nicht bestimmen, ob Jesus durch Jericho kommt oder nicht. Er kann nicht bestimmen, ob Jesus ihn hört oder nicht. Aber etwas liegt in seiner Hand. Er kann rufen, und genau das tun er.“

Auch in unseren Leben gebe es Dinge, die wir uns nicht ausgesucht hätten, über die wir keine Macht hätten. Eine Krankheit, eine Enttäuschung, eine Tür, die plötzlich zugehe. Aber manchmal bleibe trotzdem ein kleiner, ein winziger Spielraum. Und auch im Verhalten Jesu werde der Wert eigener Entscheidungen deutlich. Er habe nicht einfach über Bartimäus bestimmt, sondern ihn gefragt: Was willst du, was ich Dir tue?, so die Predigt weiter. „Ich finde diese Frage gar nicht so leicht. Was willst du? Nicht: Was erwarten andere von dir? Nicht: Was müsste man eigentlich wollen? Sondern: Was willst du? Was soll sich verändern? Was brauchst du?“, führte Oliver Kießig weiter aus. „Vielleicht hat es jeder von Euch gerade auch einen solchen Zug seinem Leben. Ein Gespräch, das man gerne führen möchte. Ein Mensch, bei dem man sich endlich mal wieder melden möchte. Eine Entscheidung, die man so lange vor sich her geschoben hat. Oder einfach den Mut zu haben, zu sagen: ‚Das wünsche ich mir.‘ Vielleicht ist diese Frage heute auch an jeden von uns gerichtet: Was willst Du und wo bist Du gerade am Zug?“

Diese Frage war dann auch die Aufgabe, die sich unter der ersten Aktions-Karte verbarg, die am Ende des Gottesdienstes gezogen werden durfte. Dann endlich kam eine der darum kreisenden Spielfiguren auf einem gelben Kreis zum Stehen – einem Blick ins Regelbuch sei Dank. Dort hatte Pfarrer Kießig spontan eine Regel „wiedergefunden“: „Nach zwei geworfenen Sechsen darf man aufs gelbe Feld gehen.“ So kamen die kleinen Notizzettel zum Einsatz, die ausgegeben worden waren. „Wir nehmen uns jetzt noch ein paar Minuten Zeit. Denk in Ruhe nach, was Dein nächster Zug sein soll. Das können ruhig auch kleine Dinge sein“, sagt Pfarrer Kießig zum Abschluss des Gottesdienstes. „Dann falte den Zettel zusammen und nimm ihn mit nach Hause.“ „Der Gottesdienst war toll, wir haben uns viel mehr umeinander gekümmert als bei einem normalen Gottesdienst, wo man nur nach vorne guckt“, sagten zwei Teilnehmerinnen. „Jeder hat nach den anderen geschaut, und am Ende haben alle einmal gewürfelt, falls sie das wollten.“ „Irgendwie besser“, fand ein Gemeindeglied diese Form des Gottesdienstes und überlegte kurz, warum. „Ich war viel aufmerksamer, weil nie klar war: Was kommt als Nächstes? Und sehr gespannt darauf. Sonst läuft da ja alles nach festen Regeln ab. Das heute hat mir sehr gut gefallen.“

Spieleabend und Ideen für den nächsten Gottesdienst

Direkt nach dem Gottesdienst blieben mehr als 30 Brettspiel-Begeisterte zum Spieleabend in der Kirche. Bei Schnittchen und alkoholfreien Getränken gegen eine freiwillige Spende konnten sie aus Dutzenden von Spielen wählen. Mit dabei waren auch einige Gemeindeglieder aus der Südstadt; ihre Lutherkirche war im Juli des Jahres entwidmet worden. „Wir freuen uns total, dass ihr kommt“, so die Meinung der Mitspielenden am großen runden Tisch.

Geblieben war natürlich auch Pfarrer Oliver Kießig, der in seiner Freizeit regelmäßig neue Brettspiele in seinem Internet-Blog vorstellt und Stammgast bei Spielemessen ist. Er nahm mit, dass die Gemeinde gerne nochmal einen Brettspiel-Gottesdienst feiern würde. „Man müsste die Regeln etwas nachschärfen. Mehr gelbe Felder und etwas weniger weiße“, sinnierte er. „Oder einfach ein neues Spiel erfinden. Vielleicht in Richtung Escape Room, bei dem gemeinsam Rätsel gelöst, eine Geschichte gefunden werden muss“, schildert er begeistert Ideen, die ihm gerade durch den Kopf gehen. „Wo man noch mehr zusammen macht. Wenn wir jedes Mal ein neues Spiel haben, bleibt es spannend. Mir das auszudenken, macht mir große Freude.“

Hier das Video zur Veranstaltung:

https://youtube.com/shorts/1_KkR4lGC1g?feature=share

Text: Gabi Bossler
Foto(s): Gabi Bossler

Der Beitrag „Du bist am Zug“. Der erste Brettspiel-Gottesdienst in der Evangelische Kirchengemeinde Köln-Zollstock erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.