
Es flossen Tränen, als am Ende des Gottesdienstes Altargeräte wie Kelche, die Bibel und schließlich das große Holzkreuz aus der Thomaskirche getragen wurden. Die Kirche an der Ecke Neusser Wall/Lentstraße ist entwidmet; Gottesdienste werden dort nicht mehr stattfinden. „Wir entwidmen diese Mauern. Das, was hier gewesen ist, nehmen wir mit“, erklärte Pfarrerin Miriam Haseleu, die den Evangelischen Kirchenkreis in der Thomaskirche vertrat: „Gott bleibt bei uns, wohin auch immer wir gehen. Die Trauer über den Verlust des Ortes darf irgendwann auch Dankbarkeit werden.“
Abschied mit Trauer, Wut und Dankbarkeit
Darüber sprach auch Markus Herzberg, Pfarrer an der Antoniterkirche und Vorsitzender des Presbyteriums der Evangelischen Gemeinde Köln: „Traurigkeit, Wut, Unverständnis und Dankbarkeit: Alle Gefühle haben heute hier ihren Platz. In dieser Kirche haben Menschen etwas gefunden, das größer ist als sie selbst. Gott war in dieser Kirche zu Hause, aber er war nie an diese Mauern gebunden.“
„Es tut einfach weh“: Erinnerungen an die Thomaskirche
Christoph Rollbühler ist seit 2011 Pfarrer in der Evangelischen Gemeinde Köln und arbeitet im Schwerpunkt an der Christuskirche und der Thomaskirche. Er hielt die Predigt im Entwidmungsgottesdienst. „Vor einer Woche haben wir das Kreuz abgehängt. Das ging ganz schön nah.“ Viele Monate habe man über die Zukunft der Gemeinde an der Thomaskirche diskutiert. Immer wieder habe man über Ressourcen gesprochen. Und darüber, was in anderen Gemeinden „los ist“. Rollbühler ließ seinen Gefühlen freien Lauf: „Es tut einfach weh. Ich weiß das, ich fühle das. Oft wurde ich gefragt, ob ich eigentlich auch traurig bin. Na, was denn sonst?“ Er ist seit 15 Jahren Pfarrer an der Thomaskirche. „Ich habe viel gelacht mit Euch. Und mit Eva Esche, die hier lange Pfarrerin war. Es war eine wilde und lebendige Zeit.“
Rollbühler erinnerte an Abendmahle, bei denen die, die keinen Alkohol trinken wollten, einen Schritt vortreten mussten. Und an Karnevalsfeiern für Senioren, bei denen der Alkohol in Strömen geflossen sei: „Um 16 Uhr gab es dann immer Bockwurst und Kartoffelsalat mit Mayo. Das war dann auch nötig.“ Und dann war da noch die Sache mit der Gemeinschaftsgrundschule Balthasarstraße und dem Tippfehler im Gemeindebrief: „Plötzlich klingelten 80 Grundschüler an meiner Tür und wollten einen Gottesdienst feiern. Haben wir gemacht. War gut.“

In der Thomaskirche hätten sich jederzeit alle Menschen willkommen gefühlt. Das habe die Gemeinde ausgezeichnet. Verstellen sei unerwünscht gewesen. „Hier haben die Menschen aufeinander geschaut. Wir haben hier ein Fundament gelegt, sodass wir jetzt nicht auf Grund laufen, sondern dass es weitergeht. Anfangs vielleicht auf schwankendem Grund.“ Rollbühler erinnerte an das Kirchenasyl, für das sich die Gemeinde zehn Jahre engagiert habe. Und verwies auf die Osterkerze, die auch herausgetragen wurde. Sie brannte. „Diese Kerze ist das Zeichen für die Auferstehung. Sie erzählt, dass das Leben eine maximal starke Kraft ist. Viel stärker als der Abschied“, sagte der Pfarrer. Die Osterkerze der Thomaskirche wird einen Platz in der Christuskirche finden.
Drei neue Gebäude am Standort Thomaskirche
Das Presbyterium der Evangelischen Gemeinde Köln hat am 29. Mai 2026 beschlossen, dass von den fünf Kirchen auf dem Gemeindegebiet drei weiterhin bestehen werden: Antoniterkirche, Christuskirche und Kartäuserkirche. Die Lutherkirche in der Südstadt wurde bereits entwidmet. Das Presbyterium begründete den Beschluss damit, dass die Gemeinde ihre personellen und finanziellen Ressourcen so einsetzen müsse, dass die kirchliche, soziale und diakonische Arbeit langfristig gesichert werden könne. Natürlich spielten auch die sinkenden Mitgliederzahlen und die damit einhergehenden Kirchensteuerverluste eine Rolle.
Im Mittelpunkt stand die Frage, was Kirche leisten könne, was andere Akteure nicht anbieten könnten: Gottesdienste, Seelsorge, christliche Spiritualität und diakonisches Handeln. Deshalb habe man entschieden, die Kräfte an den drei verbleibenden Innenstadt-Standorten zu bündeln.
Am Standort Thomaskirche steht schon fest, wie es weitergeht: Die Karl Immanuel Küpper-Stiftung wird nach dem Abriss der Kirche als Bauherrin und Investorin drei neue Gebäude errichten. Seit fast 130 Jahren gibt die Stiftung Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in schwierigen Situationen ein Zuhause.
Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann
Der Beitrag „Gott war in dieser Kirche zu Hause, aber er war nie an diese Mauern gebunden“. Bewegender Entwidmungsgottesdienst in der Thomaskirche im Agnesviertel erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.
