Du betrachtest gerade Jahresbilanz 2025/26: Telefonseelsorge Köln verzeichnet stabile Nachfrage

„Wir sind besser erreichbar“, stellt Pfarrerin Charlotte Horn im Pressegespräch „als besonders wichtig“ heraus. „Darauf sind wir echt stolz.“ Die Theologin und Psychologin Dr. Maria Bebber pflichtet ihr bei und ergänzt, „um für Menschen in diesem Moment da zu sein. Das ist ja das, was hinter der Erreichbarkeit steht.“ Horn leitet die Evangelische TelefonSeelsorge Köln, Bebber ist Leiterin des katholischen Pendants. Das Angebot der eng kooperierenden Einrichtungen steht unabhängig von einer Religionszugehörigkeit jedem hilfe- und ratsuchenden Menschen offen. Es ist 365 Tage im Jahr rund um die Uhr unter 08001110111 und 08001110222 zu erreichen, kostenfrei auch aus dem Mobilfunknetz.

Danach beträgt die Anzahl der ehrenamtlichen Mitarbeitenden insgesamt 160. Neunzig Menschen engagieren sich in der evangelischen, siebzig in der katholischen Einrichtung. Darunter Frauen und Männer, die seit einem bis 25 Jahren dabei sind. Horn findet diese Zahlen beachtlich. „Diese Menschen haben wir zu begleiten, auszubilden und auch gemeinschaftlich zu verbinden. Sie sitzen zwar alleine am Telefon, werden aber nicht alleine gelassen.“ So zähle zu den Leitungsaufgaben insbesondere die Kommunikation. Regelmäßiger Austausch sei laut Bebber ein Erfolgsrezept für ein stabiles Team. „Wir führen etwa Supervisionen durch, in denen wir über Belastendes sprechen können, in denen analysiert wird. Zudem bilden wir sehr fundiert und gut fort.“

Stabile Statistik: 27.000 Gespräche im Jahr 2025

„Von der Statistik her sind wir relativ stabil. Tendenziell steigen die Zahlen sogar.“, stellt Horn fest. 2025 seien insgesamt 27.000 Gespräche geführt worden, im laufenden Jahr bis Ende September 19.350. Dahinter stünden noch mal viel mehr Anrufversuche. „Der Bedarf ist enorm höher.“ Gleich geblieben seien die Themen in den Gesprächen. Als „Top“-Themen nannte Horn Beziehungsprobleme in der Partnerschaft, Familie und Alltagsbeziehungen, körperliches Befinden, Einsamkeit und Isolation, depressive Stimmung, Ängste, Stress und emotionale Erschöpfung.


Suizidgefährdung als eigenes Thema

Suizidalität stelle in der Telefonseelsorge ein eigenes Thema dar, so Horn. Suizidprävention sei bereits vor siebzig Jahren das Gründungsthema der Telefonseelsorge in Deutschland gewesen. „Das Thema bleibt relevant am Telefon (12 %) und interessanterweise noch mehr in der Mailseelsorge (30 %) und im Chat (33 %).“ Das liege nahe, da man über schambesetzte Themen eher schreibe. Aus der früheren Tabuisierung des Themas „sind wir aber raus“, so Horns Eindruck: „Man darf heute mehr darüber sprechen.“ Die Kölner Einrichtungen sind Mitglied im Netzwerk „überLEBENswert – Kölner Netzwerk für Suizidprävention“, informiert Bebber. Es ziele auf Aufklärung, damit Reden möglich werde. „Reden, sprachfähig werden, ist ein ganz wichtiger Bestandteil von Suizidprävention.“

Die Chat-Seelsorge ist uns auch deshalb so wichtig, weil wir damit vor allem junge Menschen erreichen“, betont Bebber. „Zudem ist der Chat ein Ort für Themen, die besonders schambesetzt sind. Deshalb haben wir dort auch höhere Zahlen an Suizid-Thematisierungen.“ Chatten sei für viele Jüngere niederschwelliger. Gleichwohl finde es in Echtzeit und mit Echt-Menschen statt. Das empfänden Ratsuchende offenbar attraktiver, als sich mit KI auszutauschen. „Telefonseelsorge ist ein kirchlicher Bereich, der am meisten als eigene Marke wahrgenommen wird“, stellt Horn fest. Viele wüssten nicht, dass es sich um eine kirchliche Einrichtung handele. Telefonseelsorge sei eine feste Säule der psychosozialen Grundversorgung Kölns. „Zunehmend verweisen Ärzte in der Psychiatrie auf uns. In hohem Maße werden wir auch in Social-Media-Kanälen beworben.“ Und von ChatGPT, fügt Bebber an. „Darüber sind wir froh und auch stolz drauf“, äußert Horn. Andererseits komme man ans Limit. „Wir haben darauf reagiert und erfolgreich an unserer besseren Erreichbarkeit gearbeitet. Uns erreichen inzwischen mehr Leute pro Tag, zugleich mehr Zielgruppen wie Jüngere und Erstanrufende. Wer erstmals den Mut habe, uns zu kontaktieren, solle auch durchkommen.“

Dass häufig politische Ereignisse Gegenstand der Gespräche seien, bestätigt weder Bebber noch Horn. „Ich würde nicht sagen, dass das gar nicht Thema ist“, so die Psychologin. Einzelne Anrufende machten sich Sorgen um die politische Zukunft. Menschen äußerten sich empört über Kürzungen sozialer Angebote, weiß Horn. „Ja, es kommen mitunter jeweils persönlich relevante politische Themen zur Sprache“, sagt Bebber. Das Thema Kirchlichkeit spiele kaum eine Rolle, Spiritualität und Sinnfragen klängen aber immer wieder unterschwellig an. Kirche werde in Umfragen über zwei Felder wahrgenommen: Diakonie und Seelsorge, so Horn. Sie wünscht sich Stabilität in der Arbeit. „Denn hinter jedem Anruf steht ein Mensch.“ Bebber wünscht sich, „dass die Ehrenamtlichen mit Freude dabei sind und dabeibleiben. Sie versehen einen wichtigen Dienst und nehmen selbst viel mit für ihr privates, berufliches Leben.“


Neue Ehrenamtliche gesucht

Beide Einrichtungen suchen neue ehrenamtliche Mitarbeitende für den Einsatz am Telefon sowie die Mail- und Chatseelsorge. Anmeldungen für die im Frühjahr und Herbst 2027 beginnenden Kurse werden gerne entgegengenommen. Die intensive Ausbildung dauert ein Jahr.

Kontakt: Evangelische TelefonSeelsorge Köln: telefonseelsorge.kirche-koeln@ekir.de, Katholische TelefonSeelsorge Köln: mail@telefonseelsorge-koeln.de

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich

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